Kolumne vom 17. Oktober 2015 in den “Schaffhauser-Nachrichten”

Mitten im italienischen Südtirol, an der schmalen Strasse des Passes San Pellegrino, liegt eingebettet in einem Seitental das kleine Ort Vallada Mas. Steile Waldhänge begrenzen das Dorf und ein uralter, gepflasterter Steinweg führt mitten durch den Wald hoch zur uralten Bergkirche San Simon mit ihrem spitzen Steinturm. Wenn die Kirchenglocken läuten, hört man den Klang weit ins Tal hinunter. Vom Platz vor der Kirche erschliesst sich das Panorama auf die bizarren Felsformationen der Dolomiten.

Mitten im Friedhof, am Ende einer Steintreppe, liegt das Grabmal der Familie Tissi. Hier haben viele meiner italienischen Vorfahren ihre ewige Ruhe gefunden. Aber blicken wir zurück – auf das Ende des 19. Jahrhunderts. In den engen Tälern des Südtirols herrschte in dieser Zeit bittere Armut. Die streng katholischen Dörfer waren dicht besiedelt. Und die kleinen Äcker an den steilen Hängen waren wenig fruchtbar. Während im Südtirol Hunger und Armut herrschte, gab es zu dieser Zeit in Baden-Württemberg und in der Schweiz viel Arbeit. Neue Brücken, Strassen und Eisenbahnlinien wurden erstellt. Auch die Thaynger Baugeschäfte benötigten damals Muratores (Maurer), die als Saisonier auf den Baustellen arbeiteten.

Mein Urgrossvater Celestin Tissi ist 1873 in Vallada Mas geboren und dort aufgewachsen. 1894 kam er erstmals als Muratore über den Karrerpass, den Reschenpass und über den Arlberg nach Thayngen. Die beschwerliche Reise zu Fuss mit Garette und eigenem Werkzeug dauerte eine Woche. Im Winter kehrte er jeweils zurück. Dann fand er beim Baugeschäft Winzeler eine Festanstellung. 1900 brachte er seine junge Frau Adelaide, meine Urgrossmutter, mit nach Thayngen. Celestin Tissis Lohn auf dem Bau war so tief, dass er sich bei Thaynger Bauern am Wochenende einen Zusatzlohn erarbeiten musste. Auch meine Urgrossmutter musste mit Näharbeiten mithelfen, die Kinder zu ernähren.

Mein Grossvater, Celso Tissi, kam in Thayngen zur Welt. Er wurde eingebürgert. Auf seine Erfolge als Turner des TV-Thayngen war er stolz. Im Militär brachte er es zum Wachtmeister und bis ins hohe Alter blieb er mit vielen Dienstkollegen befreundet. Auch mein Grossvater erlernte den Beruf des Maurers. Er verliebte sich in meine Grossmutter Emma Unger aus Barzheim und die beiden heirateten. Wegen dieser Ehe mit einem Tschingg wurde meine Grossmutter zeitlebens von ihrer Familie gemieden. Neben der Knorri kauften sich meine Grosseltern ein kleines Stück Land und jeweils nach Feierabend bauten sie darauf ein Haus, das zu ihrem kleinen Paradies wurde. Ein grosser Garten sorgte für einen hohen Selbsternährungsgrad – typisch für Italienschweizer. Ein Bienenhaus mit vielen Völkern sorgte für genügend Honig. Tannen und Obstbäume spendeten Schatten und die Hauptattraktion waren handzahme Blaumeisen, die auf den Schultern meines Grossvaters geduldig auf halbierte Haselnüsse warteten.

Unzählige Stunden meiner Jugend verbrachte ich in diesem Refugium. Stundenlang erzählte mir mein Grossvater vom zweiten Weltkrieg. Er musste lange Zeit Aktivdienst leisten – hauptsächlich an der Schaffhauser Kantonsgrenze. Als Turner, im Militär, als Kranzschütze, aber auch als Steuerzahler und Wähler hatte er sich mit der Schweiz identifiziert. Celso Tissi arbeitete bis zu seinem 67. Lebensjahr als Maurerpolier. Danach widmete er sich noch während fast einem Vierteljahrhundert der Kunstmalerei, der Bienenzucht und seinem geliebten Garten. Und irgendwo gab es immer etwas Kleines zum Mauern oder Betonieren. Am Ende seines Lebens sorgte er sich noch liebevoll um meine pflegebedürftige Grossmutter. Als sie mit 92 starb, folgte er ihr kurze Zeit später nach. Beide liegen heute im gemeinsamen Grab auf dem Thaynger Friedhof.

Celso, der Sohn des Emigranti und Muratore Tissi, schaute am Fernsehen am liebsten Skirennen. Bei Stürzen von Pirmin Zurbriggen war er dermassen enttäuscht, dass er sich draussen im Garten beruhigen musste. Noch während Zurbriggen aus den Fangnetzten befreit wurde, bettelten die Blaumeisen auf der Schulter meines Grossvaters um Haselnüsse.

 

One Response to Emigrante Celestin Tissi

  1. Tresch Mauro says:

    Hallo Pentti,
    lange her seit der Schulzeit…
    Nun, habe deine Kolumne heute Samstag sehr gerne gelesen.
    Natürlich gehört der “Emigranten” Hintergrund sicherlich zur Wahlkampagne. Trotzdem hat mir aber deine Erzählung sehr gefallen. Sicherlich hat dich dies auch ein grosses Stück sympathischer gemacht…

    Ganz liebe Grüsse, und hoffe sehr dass deine politischen Wünsche für dich in Erfüllung gehen mögen.

    Mauro Tresch (Ehem. Schulkamerad Schulhaus Emmersberg)

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